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Kommentar zum Bildungs- und Erziehungsplan

Bildung im Kindergarten? oder
Was hat der rosa Turm mit Mathematik zu tun?

Seit Oktober 2003 liegt in Bayern ein Bildungs- und Erziehungsplan vor (BEP), der den Bildungsauftrag in Kindertageseinrichtungen umfassend und verbindlich festschreibt. Das ist nun schon einige Jahre her - inzwischen wurde er vertieft und weiterentwickelt. Der BEP enthält nun zusätzlich Bildungsleitlinien (BL), die die Inhalte konkretisieren.

"Kinder haben ein Recht auf Bildung. ...

Durch Bildung des Kindes sollen die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung kommen. Dieses Recht wird nicht erst mit Eintritt in die Schule wirksam, sondern bereits mit der Geburt des Kindes."

(BEP Bayern, 1.1.)

Bereits im Vorwort dieses Zukunftswerks wird Montessori als eine Pädagogin genannt, die Bedeutung des frühkindlichen Lernens bereits vor 100 Jahren erkannte. Sie entwickelte eine umfassende Handreichung für Lehrerinnen und Erzieherinnen – das Montessori-Entwicklungsmaterial und die dazugehörigen detaillierten Ausführungen zum praktischen Einsatz. So sind zentrale Forderungen des BEP dieselben, wie die der Maria Montessori:

Erlernen grundlegender Fähigkeiten

"Spielen und Lernen werden als zwei unterschiedliche Seiten derselben Medaille verstanden."

(BEP, 1.4S.14)

Montessori bezeichnet das Spielen als die kindliche Arbeit, die es ebenso wertzuschätzen gilt wie die des Erwachsenen. Das Kind braucht auch im Spiel Konzentration, Ausdauer und Motivation, um Erfolgserlebnisse zu haben. Die Aufgabe der Erziehenden muss es also sein, dem Kind diese Umgebung zu bieten.

Frühes Lernen als Grundstein für lebenslanges Lernen

"Frühe Bildung wird als Grundstein lebenslangen Lernens verstanden."

(BEP; 1.4., S.13)

Der so bestechend einfache, ästhetisch gestaltete „rosa Turm“ verdeutlicht das grundlegende Prinzip des didaktischen Ansatzes der Maria Montessori:

Er steht für das Dezimalsystem: 10 Würfel mit Kantenlängen von 1-10 cm machen unser Zahlensystem mit den entsprechenden Dimensionen 'be'-greifbar – Größe, Umfang, Gewicht, konstruktive Eigenschaften der einzelnen Einheiten sowie des gesamten Turms.

Grundlegende mathematische Übungen sind so ein Kinderspiel:

  • ordnen, vergleichen, bewerten
  • Struktur erkennen
  • genau wahrnehmen mit allen Sinnen
  • selber handeln und 'be'-greifen

Bildung als sozialer Lernprozess

"Mit den Kindern gemeinsam werden klare Regeln und Grenzen ausgehandelt und ihre Einhaltung vereinbart, um Wohlergehen, Schutz und Sicherheit aller Kinder zu gewährleisten." (BEP 1.4. S. 13)

In den "Übungen des täglichen Lebens" sowie in der „kosmischen Erziehung“ werden im Montessori-Kinderhaus soziale Umgangsformen, Pflege der Gemeinschaft, Verantwortung für die Umgebung und vieles mehr gezielt zum Thema gemacht. Ohne klare Regeln und Ordnung ist eine Gestaltung des Alltags nicht denkbar.

Erlangen größtmöglicher Selbstständigkeit

Montessori spricht von Erzieherinnen als Helferinnen des Kindes, deren Arbeit niemals darin besteht zu belehren, sondern den kindlichen Drang nach Selbstständigkeit zu unterstützen.

"Ein solches Bild vom Kind verlangt von Erwachsenen bedingungslose Akzeptanz und Respektierung des Kindes. Seine Person ist uneingeschränkt wertzuschätzen und darf niemals beschämt werden." (BEP 1.4, S. 12)

"Hilf mir, es selbst zu tun"
heißt die Forderung der Kinder.

Kleine Kinder und große Zahlen

Die Lerninhalte sollte das Kind seinem persönlichen Entwicklungsstand entsprechend mitbestimmen können. Die moderne Lernforschung zeigt dass sich Lernen in individuellen „Entwicklungsfenstern“ sehr schnell und mühelos vollzieht, Versäumnisse dagegen nur schwer wieder aufgeholt werden können. So liegt beispielsweise die Phase großen Interesses für Zahlen und Buchstaben bei den meisten Kindern deutlich vor dem Schuleintrittsalter, etwa im 4. bis 5. Lebensjahr. Wir müssen den Kindern also schon im Kindergarten auf spielerische Weise den Umgang mit diesen wichtigen Werkzeugen ermöglichen, um die Entwicklung nicht zu bremsen und damit spätere Lernstörungen vermieden werden können.

"Sozialer Ausgrenzung ist angemessen zu begegnen. Elementare Bildungs-angebote stehen allen Kindern offen und bieten ihnen faire, gleiche und gemeinsame Lern - und Entwicklungschancen. Das Prinzip der inneren Differenzierung des pädagogischen Angebots ermöglicht es, auf individuelle Unterschiede einzugehen. Wichtig hierbei ist, die Stärken der Kinder zu stärken und ihre Schwächen zu schwächen."

(BEP 1.4, S.14)

Individualität

Unser Lernangebot sollte sich also niemals an eine Gruppe als Ganzes, also ein „fiktives Durchschnittskind“ wenden, wie es in der Regelschule leider noch immer üblich ist. Ein effektives Lernangebot muss individuell sein, um nicht an einem mehr oder minder großen Anteil der Kinder vorbeizuzielen. Die Freiarbeit mit geeigneten Materialien ist hier der methodische „Schlüssel“ zu mehr Lernerfolg für das einzelne Kind.

Soziale Vielfalt

Montessori unterschied in ihren Beobachtungen nie zwischen behindert oder nicht behindert, so oder anders in Herkunft, Sprache oder Begabung. So begründet sich auch unser integrativer Ansatz darin, dass das, was behinderten Kindern an individueller Förderung gut tut, ebenso auch allen anderen Kindern nützt.

Fazit

Bildung im Kindergarten heißt für uns also:

  • niemals vorgezogene "Beschulung" im herkömmlichen Sinn, sondern das Vermitteln grundlegender Einsichten
  • ausreichend Zeit zur individuellen Entwicklung der eigenen Talente
  • Lust und Freude am Lernen und Arbeiten wecken
  • Einbeziehen der gesellschaftlichen Gegebenheiten